Erkennt mich mein Handy noch, wenn der Bart wächst?

Es gibt Dinge im Leben, über die man sich erst Gedanken macht, wenn sie nicht mehr funktionieren. Die Gesichtserkennung des Smartphones gehört dazu. Solange das Gerät beim Anheben einen kurzen Blick auf seinen Besitzer wirft und sich bereitwillig entsperrt, nimmt man diese kleine technische Unterwerfung als selbstverständlich hin. Schließlich hat man das Telefon bezahlt, eingerichtet und mit persönlichen Informationen gefüttert. Es kennt die Telefonnummer der Mutter, die Öffnungszeiten des bevorzugten Barbershops und die Uhrzeit, zu der man nachts noch völlig grundlos das Wetter für den nächsten Vormittag kontrolliert. Im Gegenzug erwartet man nicht viel. Es soll klingeln, wenn jemand anruft, die gewünschten Internetseiten anzeigen und seinen Besitzer erkennen. Gerade die letzte Aufgabe scheint grundsätzlich überschaubar. Zwei Augen, eine Nase, ein Mund und ein prächtiger Vollbart ergeben schließlich ein Gesicht, das sich deutlich von der bartlosen Durchschnittsware abhebt. Umso irritierender ist der Augenblick, in dem das Smartphone einen mustert, kurz nachdenkt und dann den Gerätecode verlangt.

Ein vertrautes Gesicht

Ein Vollbart entsteht nicht über Nacht. Selbst der genetisch großzügig ausgestattete Mann legt sich nicht am Abend mit glatten Wangen ins Bett und erwacht am nächsten Morgen als Holzfäller. Das Barthaar wächst langsam, zuverlässig und ohne Rücksicht darauf, ob sein Besitzer gerade Zeit für diese Entwicklung hat. Jeden Tag kommt ein kaum sichtbares Stück hinzu. Für den Mann selbst ist die Veränderung deswegen weniger spektakulär, als Außenstehende vielleicht vermuten. Er sieht sich täglich im Spiegel und bemerkt kaum, wie aus einem dunklen Schatten ein Bart und aus dem Bart schließlich ein stattliches Gebilde wird, das beim Essen, Schlafen und Anziehen berücksichtigt werden muss. Auch das Smartphone bekommt diesen Vorgang mit. Es wird morgens entsperrt, am Vormittag entsperrt, während der Mittagspause entsperrt und abends noch ungefähr vierzigmal entsperrt. Es hat also ausreichend Gelegenheit, den Bart wachsen zu sehen. Eigentlich müsste zwischen Mann, Bart und Gesichtserkennung längst jene Vertrautheit entstanden sein, die sich sonst erst nach vielen Jahren Ehe einstellt. Trotzdem reicht gelegentlich ein etwas anderer Winkel, ein ungekämmter Morgenbart oder ein schlecht beleuchtetes Badezimmer, und das Gerät verhält sich, als hätte ihm ein vollständig Fremder tief in die Kamera geblickt.

Der Zweifel des Smartphones

Die Zurückweisung erfolgt ohne jede Höflichkeit. Das Smartphone erschrickt nicht, entschuldigt sich nicht und erklärt auch nicht, welcher Teil des Gesichts ihm verdächtig vorkommt. Es zeigt lediglich das Feld für den Gerätecode an. Damit ist die Sache aus Sicht der Technik erledigt. Aus Sicht des Bartträgers beginnt sie erst. Man versucht es ein zweites Mal, verändert den Abstand und hebt das Kinn ein wenig an. Das wirkt würdevoll, soweit ein Mann würdevoll wirken kann, der seinem Telefon beweisen möchte, dass er tatsächlich er selbst ist. Bleibt das Gerät misstrauisch, folgt meist eine Reihe unwillkürlicher Gesichtsausdrücke. Die Augen werden weiter geöffnet, die Lippen angespannt und der Kopf leicht gedreht. Man präsentiert dem Smartphone also nacheinander mehrere Versionen seiner selbst, von denen einige vermutlich deutlich weniger vertrauenswürdig aussehen als das ursprüngliche Gesicht. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob die Gesichtserkennung am Vollbart scheitert oder ob sie ihren Besitzer schlichtweg noch nie am frühen Morgen, ungekämmt und ohne günstiges Licht gesehen hat. Das wäre zumindest eine nachvollziehbare Erklärung. Viele Menschen erkennen sich unter diesen Bedingungen schließlich selbst nur widerwillig.

Ein Bart verändert das Gesicht

Dass ein Vollbart das Gesicht verändert, ist keine überraschende Erkenntnis. Genau deswegen trägt man ihn. Niemand lässt sich über Monate Haare aus dem Kinn wachsen, um anschließend genauso auszusehen wie vorher. Der Bart verbreitert das Kinn, verändert die Konturen und kann ein schmales Gesicht kräftiger wirken lassen. Er verdeckt kleine Unregelmäßigkeiten, gleicht Proportionen aus und lenkt den Blick auf jene Gesichtshälfte, in der der Mann genetisch etwas zu bieten hat. Das ist einer seiner großen Vorteile. Gleichzeitig nimmt der Vollbart der Technik einen Teil jener Fläche, die ein Mensch gewöhnlich als Gesicht bezeichnet. Wo bei anderen Männern Wangen, Kinnlinie und Mundwinkel frei sichtbar sind, findet sich beim Vollbartträger eine mehr oder weniger geschlossene Schicht aus Keratin. Für das menschliche Gegenüber ist das selten ein Problem. Freunde erkennen uns weiterhin, Familienmitglieder lassen sich nicht täuschen und selbst der eigene Hund akzeptiert normalerweise, dass unter dem Bart noch derselbe Futterspender wohnt. Beim Smartphone liegen die Dinge offenbar komplizierter. Das Gerät muss nicht nur einen Mann erkennen, sondern auch entscheiden, ob der ständig größer werdende Haarbestand noch zu diesem Mann gehört oder ob sich ein Fremder mit bemerkenswert überzeugender Bartverkleidung Zugang verschaffen möchte.

Wachstum und Veränderung

Der langsam wachsende Vollbart müsste für eine lernfähige Gesichtserkennung eigentlich die angenehmste Form der Veränderung sein. Das Gerät erlebt jeden zusätzlichen Millimeter mit und könnte sich behutsam an die zunehmende Männlichkeit seines Besitzers gewöhnen. Schwieriger wird es, wenn Veränderungen plötzlich erfolgen. Ein Besuch beim Barbier kann aus einem ausladenden Vollbart innerhalb einer halben Stunde ein sauber konturiertes, deutlich kürzeres Modell machen. Für den Mann ist das Ergebnis meist erfreulich. Für das Smartphone könnte es wirken, als hätte jemand den unteren Teil seines Besitzers ausgetauscht. Noch drastischer ist nur die vollständige Rasur. Wer nach Monaten oder Jahren den Bart entfernt, entdeckt darunter nicht selten ein Gesicht, an das er selbst nur noch vage Erinnerungen hat. In diesem Fall wäre es unfair, ausgerechnet von einer kleinen Kamera zu erwarten, dass sie sofort richtig reagiert. Erkennt das Telefon den frisch rasierten Mann nicht, handelt es sich möglicherweise nicht um technisches Versagen. Vielleicht teilt das Gerät nur die verständliche Auffassung, dass niemand freiwillig einen Vollbart entfernt und die Person vor der Kamera daher unmöglich der rechtmäßige Besitzer sein kann.

Der Bart als Verdächtiger

Natürlich wird bei Problemen zuerst der Bart verdächtigt. Er ist groß, auffällig und befindet sich direkt im Gesicht. Damit erfüllt er alle Voraussetzungen, um für technische Schwierigkeiten verantwortlich gemacht zu werden. Dass möglicherweise die Kamera verschmiert ist, das Badezimmer nur von einer schwachen Lampe beleuchtet wird oder der Besitzer das Smartphone in einem Winkel hält, der sonst nur bei misslungenen Selfies vorkommt, wird zunächst verdrängt. Der Bart muss schuld sein. Dieses Schicksal teilt er mit vielen eindrucksvollen Dingen. Wer besonders präsent ist, wird auch für Vorgänge verantwortlich gemacht, mit denen er wenig zu tun hat. Dabei bemüht sich der Vollbart redlich. Er wächst nach einem überschaubaren biologischen Plan, bewegt sich nur gemeinsam mit seinem Träger und versucht nicht aktiv, Sicherheitssysteme zu überlisten. Trotzdem steht er sofort unter Generalverdacht, sobald das Schloss-Symbol auf dem Display geschlossen bleibt. Bevor man ihn deswegen kürzt, abrasiert oder in einem Anfall technischer Verzweiflung gegen einen Schnurrbart eintauscht, sollte man allerdings klären, wie das Smartphone ein Gesicht überhaupt erkennt. Erst dann lässt sich beurteilen, ob der Vollbart tatsächlich ein biometrisches Problem darstellt oder lediglich wieder einmal eindrucksvoller aussieht als die eigentliche Ursache.

Gesichtserkennung

Die Gesichtserkennung eines Smartphones betrachtet das Gesicht nicht so, wie ein Mensch es tut. Sie interessiert sich weder dafür, ob der Bart besonders dicht gewachsen ist, noch ob die Konturen sauber geschnitten wurden oder der Träger heute einen ungewöhnlich ausgeruhten Eindruck macht. Das Gerät sucht nach charakteristischen Merkmalen, Abständen und Formen. Augen, Nase, Wangen, Stirn und die räumliche Anordnung dieser Bereiche ergeben ein Muster, das mit den beim Einrichten gespeicherten Daten verglichen wird. Je nach Smartphone geschieht das mit einer einfachen Kamera, mit zusätzlichen Infrarotsensoren oder mit einer dreidimensionalen Erfassung des Gesichts. Für den Besitzer sehen diese Verfahren ähnlich aus, weil er in allen Fällen nur kurz auf das Display blickt. Technisch gibt es jedoch erhebliche Unterschiede. Manche Geräte prüfen mehr oder weniger, ob vor ihnen ein Gesicht zu sehen ist. Andere versuchen tatsächlich festzustellen, ob es sich um genau jenes Gesicht handelt, das Zugriff erhalten soll. Der Vollbart wird dabei nicht als Ausdruck von Reife, Geduld oder gepflegter Eigenständigkeit bewertet. Für die Software ist er zunächst lediglich eine größere Ansammlung von Haaren an einer Stelle, an der sich bei anderen Menschen Haut befindet.

Was das Smartphone über seinen Besitzer weiß

Dass sich ein Mobiltelefon ausgerechnet beim Gesicht gelegentlich unsicher zeigt, ist bemerkenswert. In fast allen anderen Bereichen kennt es seinen Besitzer sehr genau. Es speichert Fotos, Nachrichten, Kontakte, Suchanfragen, Standortdaten und oft einen erstaunlich vollständigen Überblick über den Tagesablauf. Das Gerät weiß, wann jemand das Haus verlässt, welche Strecke er regelmäßig fährt und wie viele Bilder notwendig waren, bevor ein einziges Bartfoto als veröffentlichungswürdig galt. Selbst gelöschte oder beschädigte Daten sind nicht in jedem Fall für immer verschwunden. Die professionelle Handyforensik beschäftigt sich damit, digitale Spuren auf mobilen Geräten zu sichern, auszuwerten und nachvollziehbar aufzubereiten. Vor diesem Hintergrund wirkt es beinahe kleinlich, wenn dasselbe Smartphone am Morgen erklärt, das Gesicht vor der Kamera komme ihm unbekannt vor. Es verfügt möglicherweise über jahrelange Nachrichtenverläufe, mehrere Hundert Aufnahmen des Bartes und eine detaillierte Liste besuchter Orte, verlangt aber trotzdem nach vier oder sechs Ziffern, weil das Kinn heute etwas stärker behaart ist als bei der Einrichtung.

Die untere Gesichtshälfte

Der Vollbart bedeckt vor allem jenen Bereich, den die Gesichtserkennung mit zunehmendem Wachstum immer schlechter zu sehen bekommt. Kinn, Kieferlinie, Teile der Wangen und je nach Ausführung auch die Mundwinkel verschwinden unter dem Haar. Bei einem kurzen Bart bleiben die ursprünglichen Konturen noch weitgehend erkennbar. Ein langer Vollbart schafft dagegen seine eigenen Formen. Das Kinn kann breiter, länger oder kantiger wirken, als es ohne Bart tatsächlich ist. Ein rundes Gesicht erhält klare Linien, ein schmales Gesicht gewinnt an Volumen und ein eher unauffälliges Kinn kann sich hinter einer sorgfältig aufgebauten Haararchitektur vollständig neu erfinden. Genau das ist schließlich einer der Gründe, warum Männer Vollbärte tragen. Der Bart ist keine transparente Dekoration, sondern verändert das Erscheinungsbild. Vom Smartphone wird dennoch erwartet, dass es durch diese Veränderung hindurch den ursprünglichen Besitzer erkennt. Der Mensch verlangt der Technik damit etwas ab, das er selbst nicht immer zuverlässig beherrscht. Wer einen langjährigen Bartträger zum ersten Mal glatt rasiert sieht, reagiert schließlich ebenfalls nicht mit sofortiger biometrischer Gewissheit, sondern meist mit einer Mischung aus Irritation, höflichem Schweigen und der vorsichtigen Frage, ob alles in Ordnung sei.

Nicht jedes Verfahren sieht dasselbe

Bei einfachen Systemen hängt viel davon ab, welches Bild die Frontkamera gerade liefert. Licht, Winkel, Entfernung und die Qualität der Kamera können das Ergebnis beeinflussen. Ist das Badezimmer schlecht beleuchtet, das Display verschmiert oder das Gesicht nur teilweise im Bild, muss die Software aus einer mäßigen Aufnahme eine recht weitreichende Entscheidung treffen. Sicherere Systeme erfassen zusätzlich räumliche Merkmale oder arbeiten mit Infrarotlicht. Sie verlassen sich weniger auf ein einzelnes flaches Bild und können dadurch besser unterscheiden, ob tatsächlich ein dreidimensionales Gesicht vor dem Gerät steht. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein solcher Sensor den Bart besonders schätzt. Er kommt lediglich methodischer mit ihm zurecht. Während eine einfache Kamera möglicherweise eine dunkle Fläche erkennt, erfasst ein räumliches System, dass sich hinter dieser Fläche weiterhin ein Kopf befindet. Der technische Fortschritt zeigt sich also darin, dass moderne Geräte nicht mehr sofort die Existenz ihres Besitzers anzweifeln, nur weil dessen Gesicht in der unteren Hälfte dichter bewachsen ist.

Der Bart ist nicht das ganze Gesicht

So beeindruckend ein Vollbart sein kann, beansprucht er normalerweise nicht das gesamte Gesicht. Augen, Stirn und Nase bleiben sichtbar. Gerade die Augenpartie spielt bei vielen Erkennungsverfahren eine wichtige Rolle, weil sie sich durch einen wachsenden Bart kaum verändert. Auch die Position der Nase verschiebt sich üblicherweise nicht, selbst wenn der Bartträger das Gefühl hat, mit zunehmender Länge eine insgesamt imposantere Erscheinung anzunehmen. Für das Smartphone bleiben daher genügend Merkmale übrig, an denen es seinen Besitzer erkennen kann. Problematischer wird es, wenn weitere Veränderungen hinzukommen. Eine große Brille, eine tief sitzende Mütze, schlechte Beleuchtung und ein ungewöhnlicher Blickwinkel können gemeinsam mehr Verwirrung stiften als der Bart allein. Der Vollbart steht trotzdem zuerst unter Verdacht, weil er am auffälligsten ist. Es ist dasselbe Prinzip, nach dem in einer Gruppe stets der Mann mit dem längsten Bart gefragt wird, ob er Holz hacken, ein Motorrad reparieren oder im Notfall eine Berghütte errichten könne. Sichtbarkeit führt zu Zuständigkeit, auch wenn dafür keinerlei sachliche Grundlage besteht.

Sicherheit und Bequemlichkeit

Gesichtserkennung soll zwei widersprüchliche Wünsche erfüllen. Das Smartphone soll sich für seinen Besitzer möglichst schnell und ohne Aufwand öffnen, gleichzeitig aber allen anderen Personen zuverlässig den Zugang verweigern. Je großzügiger ein System auf Veränderungen reagiert, desto bequemer wird es. Je genauer es prüft, desto eher kann es auch einmal den rechtmäßigen Besitzer zurückweisen. Der kurze Griff zum Gerätecode ist deshalb nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass die Technik versagt hat. Er kann ebenso bedeuten, dass sie lieber einmal zu vorsichtig als einmal zu entgegenkommend ist. Für den Bartträger bleibt das trotzdem unbefriedigend. Er hat Monate oder Jahre in die Entwicklung seines Erscheinungsbildes investiert und erwartet zu Recht, dass ein Gerät von beträchtlichem Kaufpreis diese Leistung berücksichtigt. Die Gesichtserkennung beurteilt jedoch nicht den Aufwand, sondern lediglich die Übereinstimmung mit gespeicherten Merkmalen. Sie kennt weder Geduld noch Bartstolz. Das ist technisch nachvollziehbar, menschlich aber schwach.

Langsame Veränderungen

Ein Vollbart wächst langsam genug, um weder seinen Träger noch sein Smartphone plötzlich vor vollendete Tatsachen zu stellen. Zwischen dem ersten dunklen Schatten am Kinn und einem ausgewachsenen Bart liegen Wochen oder Monate, in denen sich das Gesicht jeden Tag nur geringfügig verändert. Moderne Gesichtserkennung kann solche schrittweisen Veränderungen meist berücksichtigen. Das Gerät sieht seinen Besitzer schließlich regelmäßig und erhält dabei immer wieder neue Vergleichsmöglichkeiten. Während der Mann morgens vor dem Spiegel lediglich feststellt, dass die Konturen erneut nachgeschnitten werden müssten, verarbeitet das Smartphone unauffällig die aktuelle Version seines Gesichts. Auf diese Weise wächst der Bart nicht nur am Mann, sondern gewissermaßen auch in den gespeicherten Vorstellungen des Geräts. Das ist beruhigend, denn andernfalls müsste jeder Bartträger nach einigen Wochen eine Entscheidung treffen: entweder den Bart behalten oder weiterhin Zugang zu seinen Nachrichten haben.

Ein lernendes System

Die Vorstellung, dass die Gesichtserkennung dazulernt, sollte allerdings nicht überbewertet werden. Das Smartphone entwickelt keine persönliche Beziehung zum Bart und verfolgt dessen Fortschritte nicht mit väterlichem Stolz. Es erkennt auch nicht, dass die lichte Stelle an der linken Wange inzwischen dichter geworden ist oder dass der Schnurrbart endlich eine Verbindung zum restlichen Bart herstellt. Es aktualisiert lediglich bestimmte Daten, wenn das Gesicht noch ausreichend eindeutig zugeordnet werden kann. Wird der Besitzer zunächst erkannt oder bestätigt er seine Identität anschließend mit dem Gerätecode, kann das System die veränderte Erscheinung möglicherweise berücksichtigen. Der Bartträger erlebt diesen Vorgang als reibungslose Anpassung. Das Smartphone hingegen führt nur eine nüchterne Korrektur seiner gespeicherten Annahmen durch. Für die Technik ist ein dichter werdender Vollbart keine persönliche Entwicklung, sondern eine Abweichung, die offenbar noch innerhalb akzeptabler Grenzen liegt.

Der regelmäßige Blick

Dass ein Smartphone Gelegenheit zum Lernen bekommt, dürfte bei den meisten Besitzern außer Frage stehen. Kaum ein anderer Gegenstand wird so häufig angesehen. Der durchschnittliche Bartträger prüft sein Telefon morgens, beim Frühstück, unterwegs, während der Arbeit und abends auf dem Sofa. Dazwischen gibt es zahlreiche weitere Kontrollen, die angeblich notwendig waren, obwohl seit dem letzten Blick nur wenige Minuten vergangen sind. Jedes Entsperren liefert dem Gerät eine neue Begegnung mit dem aktuellen Gesicht. Der Bart wächst in kleinen Schritten, und das Smartphone sieht fast jeden einzelnen davon. Man könnte daher behaupten, dass es die Entwicklung des Vollbartes aufmerksamer verfolgt als viele Freunde. Diese bemerken oft erst nach mehreren Wochen, dass der Bart länger geworden ist, und fragen dann vorsichtig, ob das so beabsichtigt sei. Das Smartphone stellt keine Fragen. Es akzeptiert die Veränderung oder verlangt den Code.

Nach dem Besuch beim Barbier

Schwieriger kann es werden, wenn der Bart nicht langsam wächst, sondern innerhalb kurzer Zeit deutlich verändert wird. Ein Besuch beim Barbier beginnt häufig mit dem harmlosen Wunsch, die Konturen etwas zu säubern, und endet gelegentlich mit einem Bart, der mehrere Zentimeter kürzer ist und überraschend viel Gesicht freigibt. Für den Mann selbst ist das Ergebnis eindeutig. Er sieht gepflegter aus, die Form stimmt wieder und einzelne Haare versuchen nicht mehr, unabhängig vom restlichen Bart in verschiedene Himmelsrichtungen zu wachsen. Das Smartphone kann die Sache sachlicher betrachten. Wo gestern noch eine breite, dunkle Fläche mit weichen Konturen war, befindet sich heute ein schmalerer und klar begrenzter Bart. Die Augen sind dieselben, die Nase ist unverändert und auch die Stirn dürfte den Eingriff überstanden haben. Trotzdem wurde ein beträchtlicher Teil des sichtbaren Gesichts neu gestaltet. Verlangt das Gerät nun einmalig den Code, ist das keine Geringschätzung der Arbeit des Barbiers. Es möchte lediglich bestätigt bekommen, dass sich der rechtmäßige Besitzer tatsächlich freiwillig auf diese Länge kürzen ließ.

Die vollständige Rasur

Die größte Herausforderung ist nicht der wachsende Bart, sondern sein plötzliches Verschwinden. Wer einen Vollbart über längere Zeit trägt und ihn dann vollständig abrasiert, verändert sein Gesicht in wenigen Minuten stärker als während vieler Monate des Wachstums. Kinn, Kiefer und Wangen treten wieder hervor, häufig begleitet von Haut, die lange kein Tageslicht gesehen hat und entsprechend wenig Interesse daran zeigt, sofort eine gesunde Farbe anzunehmen. Selbst der Bartträger betrachtet das Ergebnis meist länger als geplant. Er erkennt sich natürlich, muss diese Erkenntnis aber möglicherweise erst innerlich akzeptieren. Familienmitglieder reagieren unterschiedlich. Kinder lachen, Partnerinnen fragen nach den Gründen und Freunde versuchen herauszufinden, an wen das neue Gesicht erinnert. Unter diesen Umständen wäre es vermessen, vom Smartphone uneingeschränkte Sicherheit zu erwarten. Wenn selbst Menschen mit jahrelanger persönlicher Erfahrung einen Moment benötigen, darf auch ein biometrisches System kurz nach dem Gerätecode fragen.

Ein technischer Vertrauensbeweis

Die Eingabe des Codes nach einer deutlichen Veränderung ist weniger eine Niederlage der Gesichtserkennung als ein zusätzlicher Vertrauensbeweis. Der Besitzer bestätigt damit, dass das neue Gesicht trotz aller Auffälligkeiten weiterhin zu ihm gehört. Danach kann sich das System an die veränderte Erscheinung gewöhnen und seinen Dienst wieder aufnehmen. Für den Mann ist dieser Vorgang unkompliziert, solange er sich an seinen Code erinnert. Wer ihn vergessen hat, steht vor einem Problem, das auch der eindrucksvollste Vollbart nicht lösen kann. Der Bart mag das Gesicht verändern, die Persönlichkeit unterstreichen und in günstigen Fällen sogar kleine Schwächen der Kinnpartie ausgleichen. Zahlenkombinationen speichert er nicht. Das Smartphone wiederum kann sich an neue Bartlängen anpassen, erwartet bei größeren Veränderungen aber gelegentlich eine formale Bestätigung. Diese Zurückhaltung ist verständlich. Ein Gerät, das seinen Besitzer nach einer vollständigen Rasur sofort und ohne jeden Zweifel erkennt, müsste entweder technisch außergewöhnlich gut sein oder sich grundsätzlich nur sehr oberflächlich mit dem Bart beschäftigt haben.

Der Selbstversuch

Wer wissen möchte, wie zuverlässig die Gesichtserkennung mit einem Vollbart umgeht, kann selbstverständlich auf technische Dokumentationen, Herstellerangaben und wissenschaftliche Untersuchungen zurückgreifen. Man kann aber auch vor dem Badezimmerspiegel stehen und das eigene Smartphone mit verschiedenen Versionen desselben Gesichts konfrontieren. Diese Methode hat den Vorteil, dass sie ohne Labor, Forschungsbudget und Antrag auf Fördermittel auskommt. Sie hat lediglich den Nachteil, dass der Versuchsleiter zugleich Testperson, Beobachter und Besitzer des untersuchten Bartes ist. Vollständige Objektivität darf daher nicht erwartet werden. Der Mann wird jeden erfolgreichen Entsperrvorgang als Beweis für die Überlegenheit seines Vollbartes werten und jedes Scheitern auf ungünstiges Licht, einen schlechten Winkel oder eine vorübergehende Schwäche der Technik zurückführen. Trotzdem lässt sich auf diese Weise feststellen, unter welchen Bedingungen das Smartphone seinen Besitzer erkennt und wann es beginnt, unnötige Fragen zu stellen.

Der Bart am Morgen

Der erste Test findet unmittelbar nach dem Aufstehen statt. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Vollbart in einem Zustand, der außerhalb der eigenen Wohnung nur selten gezeigt wird. Eine Seite ist flach gedrückt, einzelne Haare stehen waagerecht ab und der Schnurrbart hat möglicherweise während der Nacht eine Form angenommen, die tagsüber als bewusste Entscheidung missverstanden werden könnte. Hinzu kommt das Gesicht des Trägers, das noch nicht vollständig am Tagesgeschehen teilnimmt. Die Augen sind nur teilweise geöffnet, die Haltung ist wenig repräsentativ und die Beleuchtung im Schlafzimmer wurde selten unter biometrischen Gesichtspunkten geplant. Erkennt das Smartphone seinen Besitzer trotzdem, spricht das für die Technik. Erkennt es ihn nicht, sollte man den Bart nicht vorschnell verantwortlich machen. Möglicherweise hat das Gerät lediglich dieselbe Schwierigkeit wie der Mann vor dem Spiegel: Es erkennt zwar grundsätzlich eine vertraute Person, möchte sich aber nicht voreilig festlegen.

Der gepflegte Vollbart

Nach dem Waschen, Trocknen und Bürsten ergeben sich bessere Bedingungen. Der Bart liegt dort, wo er liegen soll, die Konturen sind erkennbar und das Gesicht vermittelt wieder den Eindruck, dass sein Besitzer freiwillig am öffentlichen Leben teilnimmt. In diesem Zustand sollte die Gesichtserkennung wenig Anlass zur Beanstandung haben. Gleichzeitig zeigt sich hier eine gewisse Ungerechtigkeit moderner Technik. Für die aufwendige Pflege gibt es keine Anerkennung. Das Smartphone öffnet sich nicht schneller, weil Bartöl verwendet wurde, und vergibt keine bessere Sicherheitsbewertung für sauber geschnittene Wangenlinien. Es stellt lediglich fest, dass genügend Merkmale mit den gespeicherten Daten übereinstimmen. Der Unterschied zwischen einem sorgfältig gepflegten Vollbart und einem ungeordneten Haarbestand mag für den Menschen erheblich sein. Für die Software handelt es sich im günstigsten Fall um zwei leicht unterschiedliche Ausführungen derselben unteren Gesichtshälfte.

Der nasse Bart

Ein nasser Vollbart verändert seine Form deutlicher, als es der Träger im Alltag gewöhnlich bemerkt. Die Haare liegen enger zusammen, der Bart wirkt schmaler und häufig auch länger. Gleichzeitig dunkelt er nach und bildet eine kompaktere Fläche im Gesicht. Wer das Smartphone direkt nach der Dusche entsperren möchte, liefert der Kamera daher eine Version, die sich vom trockenen Normalzustand sichtbar unterscheidet. Hinzu kommen Wassertropfen auf dem Display, Dampf im Badezimmer und die allgemeine Neigung des Menschen, technische Geräte in unmittelbarer Nähe zu Wasser unnötig selbstbewusst zu verwenden. Scheitert die Gesichtserkennung, kann dies am Bart liegen, muss es aber nicht. Vielleicht ist die Kamera beschlagen. Vielleicht hält der Besitzer das Gerät in einem ungünstigen Winkel, weil er gleichzeitig versucht, kein Wasser darauf tropfen zu lassen. Vielleicht schützt das Smartphone sich auch nur vor einem Mann, der offensichtlich noch nicht vollständig mit dem Abtrocknen beschäftigt ist.

Brille, Mütze und schlechter Winkel

Der Vollbart wird besonders interessant, wenn weitere Veränderungen hinzukommen. Eine Brille verdeckt Teile der Augenpartie, eine tief gezogene Mütze verändert die sichtbare Stirn und ein ungünstiger Winkel lässt das Kinn größer erscheinen, als es ohnehin schon durch den Bart wirkt. Jede einzelne Abweichung mag harmlos sein. Gemeinsam erzeugen sie eine Erscheinung, die zwar für Freunde und Familie weiterhin eindeutig ist, einem Sicherheitssystem aber zusätzliche Arbeit bereitet. Besonders beliebt ist der Versuch, das Smartphone von unten zu entsperren. Aus dieser Perspektive nimmt der Bart einen erheblichen Teil des Bildes ein, während Augen und Stirn in den Hintergrund treten. Der Mensch sieht darin vielleicht eine kraftvolle Aufnahme. Die Kamera sieht vor allem Haare, Nasenlöcher und schlechte Voraussetzungen. Wer unter diesen Bedingungen nicht erkannt wird, sollte daher weder den Bart kürzen noch die Gesichtserkennung neu einrichten. Zunächst genügt es meist, das Telefon so zu halten, wie es der Hersteller vorgesehen hat und wie man es auch in Gegenwart anderer Menschen tun würde.

Nach dem Schneiden

Der wichtigste Test folgt nach einer deutlichen Veränderung der Bartform. Werden die Seiten vom Barbier des Vertrauens gekürzt, das Kinn schmaler geschnitten oder mehrere Zentimeter Länge entfernt, verändert sich die sichtbare Kontur des Gesichts innerhalb kurzer Zeit. Genau hier zeigt sich, ob das System mit Abweichungen umgehen kann oder zunächst eine Bestätigung verlangt. Erkennt das Smartphone seinen Besitzer sofort, darf man zufrieden sein. Verlangt es den Code, ist das ebenfalls kein Grund zur Sorge. Problematischer wäre eher, wenn das Gerät die Veränderung überhaupt nicht bemerkt. Ein Vollbart wird schließlich nicht gepflegt, damit der Unterschied nur dem Barbier auffällt. Die gelegentliche Nachfrage des Smartphones kann daher sogar als unfreiwillige Anerkennung verstanden werden. Das Gerät hat registriert, dass etwas geschehen ist. Es kann die handwerkliche Qualität des Schnitts zwar nicht beurteilen, zeigt aber zumindest mehr Aufmerksamkeit als jener Bekannte, der auch nach dem Verlust mehrerer Zentimeter lediglich feststellt, man sehe irgendwie ausgeschlafen aus.

Der Bart ist nicht immer schuld

Wenn die Gesichtserkennung streikt, fällt der Verdacht schnell auf den Vollbart. Das ist bequem, denn er ist sichtbar, auffällig und hat das Gesicht tatsächlich verändert. Andere mögliche Ursachen sind weniger eindrucksvoll. Eine verschmutzte Kamera, schwaches Licht oder ein ungünstiger Abstand besitzen nicht annähernd dieselbe erzählerische Qualität wie ein mächtiger Bart, der moderne Sicherheitstechnik in die Knie zwingt. Trotzdem sollte der Bartträger die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass seine Gesichtsbehaarung unschuldig ist. Ein Smartphone scheitert nicht ausschließlich an großen Veränderungen. Manchmal genügt ein Fingerabdruck auf der Frontkamera, damit aus einem vertrauten Gesicht eine undeutliche Fläche wird. Auch Staub, Hautfett und die feinen Rückstände verschiedener Pflegeprodukte können sich dort sammeln. Der Vollbart wird dennoch zuerst beschuldigt, obwohl er die Kamera weder berührt noch darum gebeten hat, während des Einölens gleichzeitig Nachrichten zu lesen.

Eine saubere Kamera

Die Frontkamera gehört zu jenen Teilen des Smartphones, die häufig verwendet und selten bewusst gereinigt werden. Das Display wird mit den Fingern berührt, an das Gesicht gehalten, in Taschen gesteckt und auf Oberflächen abgelegt, deren hygienische Geschichte niemand genauer kennen möchte. Trotzdem soll die kleine Kamera jederzeit ein scharfes und zuverlässiges Bild liefern. Für Bartträger kommt ein weiterer Umstand hinzu. Bartöl, Balsam und andere Pflegeprodukte verbleiben nicht ausschließlich an der Stelle, für die sie vorgesehen sind. Ein Teil gelangt auf die Hände, von dort auf das Display und schließlich möglicherweise vor die Kamera. Das Smartphone blickt dann durch einen dünnen Film aus Fett, Staub und guter Absicht auf seinen Besitzer. Erkennt es ihn unter diesen Umständen nicht, hat der Vollbart seine Pflicht erfüllt. Der Mann hat lediglich vergessen, dass auch Technik gelegentlich gepflegt werden muss. Ein weiches Tuch kann das Problem schneller lösen als eine neue Rasur, ist preiswerter als ein neues Telefon und verursacht deutlich weniger persönliche Reue.

Licht und Schatten

Ein Vollbart besteht nicht nur aus Haaren, sondern erzeugt auch Schatten. Je dichter und länger er ist, desto stärker verändert er je nach Beleuchtung die sichtbaren Konturen der unteren Gesichtshälfte. Bei Tageslicht wirkt das meist günstig. Unter einer einzelnen Badezimmerlampe können jedoch dunkle Flächen entstehen, die den Bart breiter, tiefer oder geschlossener erscheinen lassen. Das menschliche Auge gleicht solche Unterschiede mühelos aus. Es weiß, dass ein Mann nicht deshalb eine andere Person ist, weil er heute von oben statt von vorne beleuchtet wird. Eine Kamera muss mit dem Bild arbeiten, das sie erhält. Hält der Besitzer das Smartphone frühmorgens in ein halbdunkles Zimmer, während hinter ihm ein helles Fenster liegt, liefert er dem System keine besonders faire Aufgabe. Er präsentiert eine dunkle Silhouette mit Bart und erwartet, dass die Technik darin sofort alle entscheidenden Merkmale erkennt. Scheitert sie, wird gewöhnlich nicht die Beleuchtung kritisiert. Der Vollbart war schließlich ebenfalls im Bild und eignet sich besser als Schuldiger.

Der richtige Abstand

Auch die Entfernung zwischen Gesicht und Smartphone spielt eine Rolle. Manche Menschen halten das Gerät so dicht vor sich, als wollten sie der Kamera Gelegenheit geben, jedes einzelne Barthaar persönlich kennenzulernen. Andere versuchen die Entsperrung aus einer Entfernung, bei der das Gesicht nur noch einen kleinen Teil des Bildes einnimmt. Beides kann die Erkennung erschweren. Das Smartphone benötigt keinen vollständigen Überblick über die Porenstruktur der Nase, aber auch kein Gruppenfoto, auf dem der Besitzer zufällig alleine zu sehen ist. Ein normaler Abstand genügt. Diese Erkenntnis klingt wenig spektakulär, wird im Alltag jedoch häufig ignoriert. Wer das Gerät im Bett entsperrt, hält es zu nah. Wer es auf dem Tisch liegen lässt und sich darüberbeugt, verwendet einen ungünstigen Winkel. Wer beim Gehen auf das Display schaut, verbindet Entfernung, Bewegung und schlechte Haltung zu einem kleinen technischen Belastungstest. Anschließend wird festgestellt, dass Gesichtserkennung mit Vollbart offenbar unzuverlässig sei. Der Bart könnte zu dieser Aussage einiges sagen, würde er nicht ausschließlich aus Haaren bestehen.

Augen auf

Die Gesichtserkennung braucht gewöhnlich mehr als einen Bart. Sie benötigt zumindest Teile des übrigen Gesichts, und dazu gehören in vielen Fällen die Augen. Am Morgen ist das nicht immer selbstverständlich. Der Besitzer hebt das Smartphone an, öffnet die Lider nur so weit wie unbedingt nötig und erwartet eine sofortige Identifikation. Für andere Menschen mag dieser müde Blick vertraut sein. Das Gerät wurde jedoch möglicherweise bei Tageslicht eingerichtet, als sein Besitzer wach, aufrecht und zu einer gewissen Mimik fähig war. Nun sieht es eine Person mit halb geschlossenen Augen, zerdrücktem Bart und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der die Existenz des Morgens grundsätzlich ablehnt. Dass die Technik kurz zögert, ist nachvollziehbar. Ähnliches gilt für Sonnenbrillen, stark spiegelnde Gläser oder eine tief ins Gesicht gezogene Kopfbedeckung. Je mehr sichtbare Merkmale verdeckt werden, desto größer wird die Bedeutung der verbleibenden Bereiche. Der Vollbart trägt dann zwar weiterhin einen Teil zur Veränderung bei, ist aber nur noch einer von mehreren Beteiligten.

Das Telefon richtig halten

Ein Smartphone wird für die Gesichtserkennung gewöhnlich so konstruiert, dass sein Besitzer mehr oder weniger gerade auf das Display blickt. Diese Anforderung ist überschaubar. Trotzdem entstehen im Alltag bemerkenswerte Abweichungen. Das Gerät liegt flach auf dem Schreibtisch, während der Mann sein Gesicht darüber hält. Es befindet sich auf Brusthöhe, und der Besitzer blickt mit gesenktem Kopf darauf. Oder es wird seitlich aus der Tasche gezogen und soll das Gesicht bereits erkennen, bevor die Kamera überhaupt in dessen Richtung zeigt. Der Vollbart verstärkt bei solchen Winkeln häufig die sichtbare Veränderung. Von unten betrachtet wird er zum Mittelpunkt der Aufnahme, während Augen und Stirn kleiner erscheinen. Von oben kann er dagegen verkürzt oder teilweise verdeckt wirken. Die Kamera erhält also nicht jenes vertraute Gesicht, das bei der Einrichtung gespeichert wurde, sondern eine perspektivisch bearbeitete Sonderausgabe. Ein kurzer Wechsel zu einer normalen Haltung löst das Problem oft. Das ist ernüchternd, weil es keine technische Sensation und keine grundsätzliche Schwäche der Gesichtserkennung offenbart. Man hat das Telefon lediglich falsch gehalten.

Der Gerätecode

Wenn alle einfachen Maßnahmen scheitern, bleibt der Gerätecode. Er ist weniger elegant als die Gesichtserkennung, dafür frei von ästhetischen Urteilen. Ihm ist gleichgültig, ob der Bart gewachsen, gekürzt, nass, ungepflegt oder vollständig verschwunden ist. Er verlangt lediglich die richtige Zahlenfolge. Damit besitzt der Code eine Form von Zuverlässigkeit, die vielen modernen Verfahren fehlt. Gleichzeitig zeigt sich hier eine Schwäche des Menschen. Der Bartträger erinnert sich an die genaue Länge seines Bartes vor drei Jahren, an den Namen eines besonders guten Bartöls und an jede ungefragte Bemerkung über seine Gesichtsbehaarung. Eine sechsstellige Zahlenkombination kann dennoch verloren gehen. Wer seinen Code kennt, bestätigt damit unkompliziert die eigene Identität und ermöglicht dem Smartphone, die veränderte Erscheinung erneut einzuordnen. Wer ihn nicht kennt, sollte den Bart nicht verantwortlich machen. Ein Vollbart kann vieles verdecken, aber keine vergessenen Zugangsdaten ersetzen.

Der Vollbart bleibt

Die entscheidende Frage lässt sich damit recht nüchtern beantworten: Ein wachsender Vollbart macht seinen Träger für moderne Gesichtserkennung normalerweise nicht unkenntlich. Das Smartphone betrachtet nicht ausschließlich Kinn und Wangen, sondern das gesamte verfügbare Gesicht. Solange genügend vertraute Merkmale sichtbar bleiben, kann es mit zusätzlicher Gesichtsbehaarung umgehen. Gerade langsame Veränderungen stellen meist kein grundsätzliches Problem dar, weil das Gerät seinen Besitzer regelmäßig sieht und sich schrittweise an dessen aktuelles Erscheinungsbild anpassen kann. Damit besteht kein Anlass, den Bart aus technischen Gründen zu kürzen oder gar abzurasieren. Eine solche Maßnahme wäre ohnehin unverhältnismäßig. Niemand entfernt mehrere Monate sorgfältigen Wachstums, nur weil ein Smartphone gelegentlich nach dem Gerätecode verlangt. Wer das dennoch tut, hat möglicherweise ein Entsperrproblem gelöst, dafür aber mehrere neue geschaffen, die sich nicht durch die Eingabe von sechs Ziffern beheben lassen.

Technik mit Grenzen

Trotzdem bleibt Gesichtserkennung ein technisches Verfahren und keine übernatürliche Begabung. Sie arbeitet mit Kameras, Sensoren und gespeicherten Vergleichsdaten. Schlechte Beleuchtung, verdeckte Bereiche, ungewöhnliche Winkel und deutliche Veränderungen können dazu führen, dass das Gerät seinen Besitzer vorübergehend nicht sicher zuordnen kann. Das ist weniger dramatisch, als es im Moment der Zurückweisung erscheint. Das Smartphone behauptet nicht, der Mann vor der Kamera existiere nicht. Es erklärt lediglich, dass ihm die vorhandenen Informationen für eine zuverlässige Entscheidung gerade nicht ausreichen. Diese Zurückhaltung ist bei einem Sicherheitssystem grundsätzlich vernünftig. Ein Gerät, das jede dunkle Kontur mit zwei Augen sofort als seinen Besitzer akzeptiert, wäre zwar angenehm unkompliziert, aber möglicherweise auch für andere Menschen überraschend zugänglich. Der Bartträger muss daher mit dem gelegentlichen Misstrauen leben. Das fällt leichter, wenn man bedenkt, dass Technik grundsätzlich Schwierigkeiten mit Dingen hat, die sich nicht exakt in ihre vorgesehenen Kategorien einordnen lassen. Ein Vollbart gehört häufig dazu.

Menschliche Gesichtserkennung

Menschen gehen mit Veränderungen nicht unbedingt souveräner um. Wer einen Bekannten nach mehreren Jahren erstmals mit langem Vollbart trifft, erkennt ihn vielleicht sofort, braucht aber trotzdem einige Sekunden, um das neue Erscheinungsbild einzuordnen. Noch deutlicher wird es bei der vollständigen Rasur. Plötzlich treten Gesichtspartien hervor, die lange nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Das Kinn wirkt kleiner, die Wangen ungewohnt leer und die gesamte Person scheint auf eine schwer erklärbare Weise jünger, schmaler oder schlicht unvollständig. Freunde und Familienmitglieder wissen selbstverständlich, wen sie vor sich haben. Trotzdem betrachten sie den Mann länger als üblich und versuchen, ihre Reaktion in eine gesellschaftlich verträgliche Form zu bringen. Das Smartphone verzichtet auf solche Umwege. Es verlangt den Code. Diese direkte Art mag kühl wirken, ist aber immerhin ehrlicher als die Aussage, man sehe ohne Bart „auch interessant“ aus.

Eine Frage des Vertrauens

Die Beziehung zwischen einem Mann und seinem Smartphone beruht auf einem eigenartigen Verhältnis von Nähe und Misstrauen. Das Gerät begleitet ihn durch den Tag, verwaltet seine Kommunikation und speichert einen beträchtlichen Teil seines Lebens. Gleichzeitig verlangt es regelmäßig Beweise dafür, dass er tatsächlich derjenige ist, für den er sich ausgibt. Der Vollbart verschärft diesen Widerspruch nur gelegentlich. Er erinnert daran, dass selbst ein vertrautes Gesicht nicht unverändert bleibt. Haare wachsen, Konturen werden geschnitten und das Erscheinungsbild entwickelt sich weiter, während das Smartphone versucht, aus jeder neuen Version dieselbe Person herauszulesen. Meist gelingt ihm das. Wenn nicht, genügt der Gerätecode als förmliche Bestätigung. Das Vertrauen wird damit nicht beendet, sondern lediglich bürokratisch erneuert. Auch in langjährigen Beziehungen gibt es schließlich Momente, in denen eine Unterschrift verlangt wird.

Der Blick in die Kamera

Der Bartträger kann seinem Smartphone die Arbeit erleichtern, ohne sein Leben nach den Bedürfnissen eines Sensors auszurichten. Eine saubere Kamera, ausreichend Licht und ein halbwegs gerader Blick reichen in vielen Fällen bereits aus. Weitere Opfer sind nicht notwendig. Der Vollbart muss weder für jede Entsperrung neu gekämmt noch in einer biometrisch optimierten Form getragen werden. Auch eine regelmäßige fotografische Dokumentation aus festgelegten Winkeln dürfte übertrieben sein, obwohl sich dafür zweifellos Männer finden ließen. Das Gerät soll sich dem Besitzer anpassen und nicht umgekehrt. Wer beim Blick in die Kamera jedes Mal Haltung, Mimik und Bartkontur kontrolliert, hat aus einer bequemen Sicherheitsfunktion eine tägliche Aufnahmeprüfung gemacht. Der entscheidende Vorteil der Gesichtserkennung liegt schließlich darin, dass man nicht lange über sie nachdenken muss. Sie soll funktionieren, während der Mann wichtigere Aufgaben erfüllt, etwa die Frage zu klären, ob der Schnurrbart heute noch einmal nachgebürstet werden sollte.

Ein berechtigtes Misstrauen

Erkennt das Smartphone seinen Besitzer trotz guter Bedingungen gelegentlich nicht, sollte man dies daher gelassen betrachten. Vielleicht hat der Bart tatsächlich eine Grenze überschritten, auf die das System nicht vorbereitet war. Vielleicht ist das Gesicht am frühen Morgen weniger eindeutig, als sein Träger glaubt. Vielleicht verlangt die Technik auch nur eine zusätzliche Bestätigung, weil sie ihre Aufgabe ernst nimmt. In jedem Fall wäre eine Rasur die falsche Reaktion. Der Vollbart hat das Recht, sich zu verändern, ohne dass jede technische Irritation zu seinen Lasten ausgelegt wird. Das Smartphone kann lernen, der Besitzer kann den Code eingeben und beide können anschließend ihren Alltag fortsetzen. Bleibt das Gerät nach einer vollständigen Rasur dagegen dauerhaft misstrauisch, sollte man ihm keinen Vorwurf machen. Ein Mann, der seinen Vollbart freiwillig entfernt hat, gibt schließlich auch seinem Umfeld Anlass zu berechtigten Fragen.

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