Vollbart und Feigenblätter

Bildhauer vergangener Tage hatten es nicht leicht. Zumindet nicht, nachdem die Kirche, der größte Arbeitgeber der großen Meister, eine neue Regel aufgestellt hatte. Keine nackten Körper mehr, in der Kunst. Papst Pius V wird nachgesagt, dass er die Penisse der verschiedenen Figuren im Vatikan kurzerhand eigenhändig entfernt haben soll. Auch das berühmte Deckenfresko in der sixtinischen Kapelle wurde zensuriert. Pius IV erließ schon 1564 einen Erlass, der Nacktheit in der Kunst verbot. Seitdem spielen Feigenblätter eine wichtige Rolle in der Kunst und sind bis heute Synonym für das nachträgliche verdecken dessen, was man nicht sehen soll. Dabei hätte man es beim Übermalen und verspachteln der Kunstwerke auch wesentlich eleganter lösen können. Mit einem Vollbart.

Schwanzvergleich

Der durchschnittliche Penis des Deutschen misst 8,6 Zentimeter. Mehr als 6 weitere Zentimeter bilden die Reserve und sorgen für stattliche 14,52 Zentimeter strammer Manneskraft. Im Durchschnitt reicht das Blatt der echten Feige mit 10-20 Zentimetern also aus, um auch die größte Freude vor neugierigen Blicken zu schützen. Allerdings gibt es wohl auch Fälle, in denen Feigenblätter an ihre Grenzen stoßen. Wer also besonders überdurchschnittlich bestückt ist, sollte an Fußball denken, wenn er sich für das Feigenblatt als Outfit entscheidet. Alle anderen können der Fantasie freien Lauf lassen.

Iiiih – Nackt

Heute sind wir, zum Glück, weniger prüde, als die Päpste im 16. Jahrhundert. Ein freier Blick auf das männliche Fortpflanzungsorgan ist kein Grund mehr, einen Erlass auszusprechen und dem Gerät mit Hammer und Meißel an den Kragen zu gehen. Wir sind weitgehend tolerant. Zwar ist im Alltag schicke Herren Unterwäsche auch heute obligatorisch, aber der Kunst gesteht man im 21. Jahrhundert zu, frei zu sein. So sind künstlerische Aktionen, wie die von Milo Moiré heute problemlos möglich. Man wird höchstens mal verhaftet, darf aber munter weiterleben und sich neue spannende Kunstaktionen ausdenken, wenn man wieder auf freiem Fuß ist. Vor 500 Jahren war das noch ganz anders.

Verhüllung

Im 16 Jahrhundert brauchte man eine Lösung. Michelangelo Buonarroti hatte die sixtinische Kapelle komplett ausgemalt und dabei nicht mit anatomischen Details gespart, die neuerdings verboten waren. Die Lösung war es, die Fresken zu überarbeiten. Der Auftrag erging an einen Schüler Michelangelos. Daniele da Volterra löste die Aufgabenstellung leider recht fantasielos und hat damit eine Chance auf Berühmtheit und Ruhm vertan. Er sollte den Blick auf die Nacktheit vieler Figuren in den Gemäden verhindern. Seine Entscheidung hatte einen Vorteil, den man nicht leugnen kann. Er brauchte wenig Farbe, denn er verpasste den imposanten Figuren einfache Unterhosen. Statt gefeiert zu werden trug er seitdem den Spitznamen Braghetta, oder Braghettone, also Hosenschlitz, oder Hosenmaler. Dabei hätte er sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern können.

Bärtige Männer

Der Vorteil der alten Meister ist, dass man die Männer, die sie darstellten, nicht nur an den primären Geschlechtsmerkmalen erkennen konnte. Auch die sekundären Geschlechtsmerkmale wurden realistisch dargestellt und lassen keinen Zweifel am Geschlecht der Figuren zu. Besonders erfreulich ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass die Männer fast konsequent Vollbart tragen. Mit dem Auftrag Volterras hätte man auf genau diese Tatsache aufbauen können. Sehen wir uns einmal die menschliche Anatomie an und konzentrieren und dabei auf die Körperproportionen. Leonardo da Vinci hat mit dem homo vitruvianus, dem vitruvianischen Mann gezeigt, wie die Körperproportionen zusammenspielen. Der Mann, der in einem Kreis und einem Quadrat dargestellt wird, passt perfekt in die geometrischen Figuren.

Körperproportionen

Wer einen Menschen zeichnen möchte, der kann mit einfachen Regeln die richtigen Größenverhältnisse einhalten. Ein normaler Mensch ist etwas sieben- bis achtmal so groß, wie die Kopfhöhe. In der Kunst, wenn es um die Darstellung imposanter Heldenfiguren geht, nimmt man die achtfache Kopfhöhe als Größe an. Der Kopf ist also eine Einheit hoch und der Rest ab dem Kinn teilt sich in sieben gleich hohe Teile. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, aber vom Kinn bis zur Mitte der Oberschenkel sind es vier Kopfhöhen. Auch Michelangelo wusste das und hat die Figuren in diesen Proportionen gemalt. Ist ein Mann beispielsweise 1,80m groß, dann misst sein Oberkörper vom Kinn bis zur Mitte der Oberschenkel etwa 90 Zentimeter.

Bärte als Feigenblatt

Ergänzt man dieses Wissen jetzt mit den bereits bekannten Informationen über Wuchsgeschwindigkeit und Lebensdauer von Barthaaren, dann kann man 1 und 1, oder vielmehr 90 und 90 zusammenzählen. Beginnend vom Kinn bis weit unter den durchschnittlichen Freischwingerbereich zwischen den Beinen lässt sich mit einem ordentlichen Bart alles verdecken, was der antike Klerus nicht mehr sehen wollte. Die Lösung, die Daniele da Volterra wohl zu unglaublichem Ruhm verholfen hätte, wären also die Bärte der Figuren gewesen. Statt den großen Männern, die da an die Decke gemalt waren, mit einem engen Slip einen Teil der Lebensfreude wegzuretuschieren, hätte man ihnen ein wahrhaft männliches Erscheinungsbild verleihen können.

Was hinter dem Bart passiert

Vielleicht hätte die Geschichte der Menschheit damals eine entscheidende Wende erfahren können. Die Vorbildwirkung der kunstvollen Figuren hätte, hätte man ihre Blöße mit stattlichen Bärten bedeckt, statt mit unerotischen Einteilern, vielleicht zu einer ausgeprägten Vollbart-Kultur geführt. Eine Freude für jeden Mann und ein Grund zu Jubeln für Hersteller von Bartöl und Barbiere, aber wohl ein herber Schlag für diejenigen, die Herren Boxershorts verkaufen. Auch wenn nicht jede Figur im berühmten Deckenfresko Bart trägt, hätte man mit den wehenden Bärten der benachbarten Figuren alles bedecken können, was nötig war. Aber ein Bart, der bis zu den Fingerspitzen der Hand reicht, hätte auch andere Vorteile für uns Männer. Was hinter einem solchen Bart passiert, das bleibt hinter dem Bart.

Retusche live

Auch wenn der BMI noch in einem Bereich ist, der nicht gesundheitsgefährdend ist, kann ein kleines Bäuchlein den Gesamteindruck des Mannes beeinträchtigen. Der wallende Bart würde hier zu Entspannung führen. Statt sich auf dem Bauchweg-Fitnessgerät zu quälen und Situps zu machen, bis das Waschbrett glänzt, verschwindet der Bauch hinter dem Bart. Mehr noch. Die alte Frage nach der richtigen Länge, Breite und Höhe dessen, was der Bart dann elegant verdeckt, wäre final beantwortet. Verschwindet alles hinter dem Bart, wenn der Mann aufrecht steht, dann ist das normal. Ragt weiter unten noch etwas hervor, dann ist der Penis überdurchschnittlich. Wir Männer haben im Alltag schon genug Druck. Eine Bartkultur, die die weibliche Fantasie wieder etwas mehr fordert, würde uns zumindest diesen Druck nehmen.

Chance verpasst

Allerdings hat ein italienischer Maler des 16. Jahrhunderts uns Männern diese historische Chance verbaut. Die Vorbildwirkung der Bartträger in der sixtinischen Kapelle blieb aus und wir alle stehen schutzlos da, wenn die Hüllen fallen. Statt hinter einem dichten Bart versteckt, zeichnen sich an der Boxershort klare Konturen ab und können ungeniert begutachtet werden. Der nackte Oberkörper offenbart jede Abweichung vom idealen Körperfettanteil und gibt dem geübten weiblichen Auge unmittelbar Aufschluss über den Trainingszustand des Mannes. Aber sein wir dem kleine Italiener nicht böse und nehmen wir es sportlich. Auf seinen Körper zu achten ist kein Fehler und hat nicht nur optische Gründe. Zu geringe Eckdaten im Schritt lassen sich durch ausgefeilte Technik leicht ausgleichen. Nicht zuletzt haben wir aber immer noch unseren Bart. Auch wenn das Sixpack, die Überlänge und die Technik bereits ausreichen sollten um zu begeistern, kann ein gepflegter Vollbart den positiven Eindruck abrunden. Er macht den Mann auf jeden Fall attraktiver, gibt zu Verstehen, dass mit dem Testosteronspiegel alles seine Ordnung hat und kann die Blicke gezielt dahin lenken, wo man nichts zu verstecken hat.

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